Hauptuntersuchung – alle Jahre wieder

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Fahrzeug
Voller Einsatz auch ohne Werkstatt

Fluch und Segen zugleich – in Deutschland kann niemand mit seinem alten Auto einfach so rumgurken, bis es auseinanderfällt. Wir müssen alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung und das Fahrzeug auf technische Mängel untersuchen lassen. Das garantiert eine Mindestsicherheit im Straßenverkehr für uns und die anderen, stellt aber die Besitzer von älteren Modellen alle zwei Jahre vor eine kleine Schrauberaufgabe.

 

Vorsorge:

Wir sind uns hoffentlich einig: Selbst durchgeführte Reparaturen am Auto sollten nur erfolgen, wenn man weiß, was man tut. Wenn ihr euch nicht sicher seid, lasst euer Fahrzeug von einer Fachwerkstatt warten und instand setzen. Was wir hier heute aus- und einbauen ist zwar leicht erledigt, gerade bei den Bremsen können Fehler aber lebensgefährlich sein. Wenn ihr das noch nie gemacht habt holt euch Hilfe dazu und studiert vorher die spezifischen Gegebenheiten eures eigenen Fahrzeugs.

VW Golf
Ein rüstiges Alltagstierchen

Er läuft und läuft und läuft

Nee, tut er nicht. Der treue Golf III (Sondermodell „Bon Jovi“!!) meiner Freundin ist tatsächlich ein zuverlässiger Zeitgenosse, aber allein schon aufgrund seines Alters nicht ohne Tadel. Die Bremsen klingen metallisch und fühlen sich komisch an, sagt sie. Der Auspuff macht sportliche Geräusche und der 1.8 Liter Benziner springt nicht so willig an. Also muss ich da mal bei, draußen, vor dem Haus. Bestellt habe ich neue Bremsscheiben und -klötze für vorn. Einen neuen Endschalldämpfer (plus eine Dose hitzebeständige Farbe und die Haltegummis) und eine neue Verteilerkappe plus Verteilerfinger und Zündkerzen.

VW
Sie liebt ihn – ich mach ihn heile

Was brauchen wir für die Arbeiten?

Euer benötigtes Werkzeug hängt nun ganz von eurem Auto und der Art des Antriebs ab. Für Bremsen, Abgasanlage und Zündkomponenten reicht ein normal ausgestatteter Werkzeugkasten, wenn nichts dazwischen kommt. Also konkret

  • ein Wagenheber
  • Unterstellböcke
  • ein Radmutterschlüssel
  • Stecknüsse für alle Schrauben
  • Wasserpumpenzange für den Bremssattel
  • Drehmomentschlüssel
  • ein Kerzenschlüssel

 

Hochgebockt und ab damit

Die Radmuttern werden noch auf dem Boden stehend angelöst (damit sich das Rad dabei nicht mitdreht), dann das Auto an den dafür vorgesehenen Aufnahmen am Unterboden mit dem Wagenheber aufgebockt. Wenn zwei massive Unterstellböcke das Auto oben halten können die Räder abgenommen und die Bremsen zerlegt werden.

Bremsscheibe
Das war dringend nötig

Um die vorderen Bremsscheiben abnehmen zu können, sollten die Bremssättel ebenfalls erst einmal runter. Dafür muss man sie nicht von den Bremsleitungen trennen, dann müsste im Anschluss das System entlüftet werden. Sie sind mit zwei massiven Schrauben hinten am Achsträger befestigt. Je nach eingelaufenem Zustand der alten Bremsscheibe muss man sie leicht runter“kloppen“ und anschließend vorsichtig am Bremsschlauch hängend ablegen.

Fahrzeug
Schlimme Erkenntnisse am Straßenrand

Die üblichen Verdächtigen

Wenn hier lange niemand draufgeguckt hat, kann das Entsetzen schonmal groß sein. In unserem Fall schleift schon das Metall des Bremsbelags auf der Scheibe („klingt irgendwie komisch“), so dass es definitiv Sinn macht, wie geplant Scheibe und Beläge zu tauschen. Sind die Bremsscheiben noch nicht so alt, kann es auch ein neuer Satz Beläge tun. Achtet beim Kauf der Neuteile auf den richtigen Scheibendurchmesser und auch die richtige Dicke der Scheibe, oft gibt es verschiedene Ausführungen.

Die alten Bremsscheiben sind meistens mit einer kleinen Schraube auf der Achse fixiert und können einfach abgenommen werden. Die Auflagefläche darunter solltet ihr leicht anschmirgeln und gut säubern, damit die neue Scheibe plan aufliegt. Die alten Backen werden aus dem Sattel entfernt und auch da die Auflageflächen gesäubert. Da die neuen Beläge jetzt viel dicker sind, müssen die runden Bremskolben in den Sätteln vorsichtig zurück gedrückt werden. Wer kein Spezialwerkzeug besitzt, kann das gefühlvoll mit einer Wasserpumpenzange machen. Vorsicht: Einige Kolben müssen dabei leicht gedreht werden. Und dabei bitte den Bremsflüssigkeitsstand im Vorratsbehälter im Motorraum beachten, der wird jetzt steigen.

Scheiben
Das sieht aus wie neu – ist es auch

Scheiben und Klötze – nagelneu

Die neuen Bremsklötze werden von hinten dünn mit Kupferpaste eingestrichen, das verhindert Quietschen und festrosten. Nun wird die neue Bremsscheibe auf die Achse gesetzt und mit der kleinen Schraube fixiert. Mit sanftem Druck sollten jetzt die neuen Backen im Bremssattel über die Scheibe passen, und der Sattel wird wieder mit dem richtigen Drehmoment festgezogen. Die neue Scheibe sollte sich zwischen den neuen Klötzen leicht drehen lassen. Das Gleiche passiert nun auf der anderen Seite noch einmal.

Fahrzeug
Hinten geht es weiter

Abgasanlage – läuft

Da der Wagen grad noch angehoben ist, wechsel ich gleich den porösen Endschalldämpfer. In der Theorie muss hierfür nur eine Schelle mit zwei Muttern gelöst werden, und die gesteckten Teile lassen sich auseinanderziehen. In der Praxis sind die Verbindungen oft so verrostet, dass nur rohe Gewalt, Sprühöl oder eine Flex helfen.

Abgasanlage
Der Zahn der Zeit

Ist alles lose, kann der neue Topf mit neuen Gummis eingehängt, in den vorhandenen Abgasstrang geschoben und festgezogen werden. Auch hier kann man etwas Kupferpaste verwenden. Ich habe zusätzlich noch die Falze und Schweißstellen des neuen Topfes mit hitzebeständiger Farbe eingesprüht. Das ist so eine Marotte von mir, ob das wirklich der späteren Korrosion vorbeugt ist vermutlich eher eine philosophische Frage.

 

Kappe und Kerzen für den Funken

Ebenfalls alle Jahre wieder sollten die Verteilerkappe und der Verteilerfinger sowie die Zündkerzen überprüft und gegebenenfalls ersetzt werden. Sind die Elektrodenabstände der Kerzen zu weit abgebrannt oder die Kontakte in der Kappe des Verteilers zu sehr „verbrannt“, zündet das Auto nicht mehr sauber. Habt ihr bereits eine elektronische Zündung, sind diese Effekte weniger dramatisch.

Korrosion
Korrosion hemmt den Funken

Beim Tauschen der Zündkerzen müsst ihr darauf achten, dass nach dem Abziehen der Zündkabel die Kerzen gerade und vorsichtig herausgedreht werden und kein Schmutz in den offenen Zylinder gelangt. Die neuen Kerzen mit der Hand reindrehen und nur gut handfest anziehen. Sonst zerstört ihr die Gewinde im Zylinderkopf. Die Verteilerkappe kann an zwei kleinen Laschen abgehebelt werden, markiert euch die einzelnen Zündkabel, damit die nicht vertauscht werden. Der Verteilerfinger lässt sich einfach nach oben abziehen. Die Neuteile aufstecken, zusammenstecken und probehalber einmal starten. Alles fein?

Fahrzeug
Der Lohn der Arbeit: Die Plakette.

Nachsorge

Noch ein letzter Check: Sind die Radmuttern wieder fest angezogen? Stimmt der Stand der Bremsflüssigkeit? Hängt der Endschalldämpfer fest in seinen Gummis? Sind Kappe, Finger und Kerzen alle sauber gesetzt und fest? Lieget kein Werkzeug mehr irgendwo rum? Dann ab zur Hauptuntersuchung, die unser kleiner Bon Jovi mängelfrei bekommen hat. Jetzt kann die Dame wieder durch die Gegend brausen und entspannt Elvis hören. A-whap-bap-a-lula!


Autor: Jens Tanz – Sandmann


Golf III
Rock on, Golf III